Die Schönheit liegt im Detail. Eine Geschichte von Wespen und Vätern.

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Die Schönheit liegt im Detail. Eine Geschichte von Wespen und Vätern.

Dieser Post ist Teil der Serie „Alltagsschnipsel”. Diese basiert auf der „21 days of writing journey” von Mike Dooley aka. the Universe talks und bei der jeden Tag ein neues Stichwort zum Nachdenken und Schreiben einlädt.


Heute Morgen bin ich zu einem kleinen Spaziergang aufgebrochen, der kein konkretes Ziel hatte, abgesehen von einer festen Fixierung auf einen Matcha-Latte zum Frühstück. Den fand ich schließlich bei einer süßen Bio-Bäckerei mit Hinterhof-Terrasse, wo ich mich glücklich in der Sonne niederließ und mein Notizheft aufschlug. Heute sollten wir uns den Details widmen: „Schreibe über etwas ganz Kleines und entdecke darin die Schönheit und die ganze Wahrheit.” Ziemlich philosophisch. Und Zen. Ich musste an diese Zen-Gärten denken, diese kleinen Anordnungen aus Sand und Steinen, die man mit einer Mini-Harke harken kann, um die Gedanken zu sortieren und zu beruhigen. Weil gerade eine Wespe um mein Glas flog, entschied ich mich, über die Wespe zu schreiben.

Matcha-Latte in der Sonne

Die Wespe.

Sie fliegt unruhig hin- und herzitternd um mich, meinen Matcha-Latte und meine schreibende Hand, die sich über die Seite bewegt. Ihr Flug ist unstet, unruhig und dabei irgendwie konzentriert. Als hätte sie ein Ziel. Immer auf der Suche, always on the run, immer auf der Jagd. Nur selten lässt sie sich nieder und wenn, dann nur kurz. Dieses Exemplar ist eher unaufdringlich, worüber ich froh bin. Zuletzt hatte ich es immer mit regelrechten Wespen-Rudeln zu tun, heute sind sie nur zu zweit. Auch scheinen sie sich nicht sehr für mich zu interessieren, denn sie verschwinden immer wieder und versuchen an anderen Tischen ihr Glück. Gerade, wo ich über sie schreiben will … wahrscheinlich hätte ich zum Wespenbeobachten lieber einen Kakao bestellen sollen 🙂 Doch da ist sie wieder. Wenn sie dicht daran vorbeifliegt fühle ich den kühlen Luftzug an meiner schreibenden Hand. Ihr Summen, ihr Brummen – wie sagt man denn bei Wespen? – klingt wie ein ganz leiser, aber leistungsstarker Mini-Motor und ist eigentlich nur zu hören, wenn sie dicht an meinem Ohr vorbeikommt. Dann erstarre ich kurz. Einen Wespenstich in den Hals kann ich echt nicht gebrauchen.

Der Stich.

Das letzte Mal, dass ich von einer Wespe gestochen wurde, war letzten Sommer, als ich sechs Wochen in einer Osho-Kommune in Griechenland lebte. Gegen Ende wurde es mit den Wespen ziemlich schlimm, vor allem beim Essen – wir aßen ja immer draußen – und vor allem beim Frühstück. Dann noch unbeschadet an Tahini, Honig und Marmelade zu gelangen, grenzte an ein Wunder und allein, es zu versuchen, kam einer krassen Mutprobe oder Selbstmord gleich. Wir taten es trotzdem und entsprechend viele wurden gestochen. Wir zählten die Fälle täglich. 3, 4 und so weiter.

Irgendwann erwischte es auch mich, und zwar in den rechten Zeigefinger. Der Finger schwoll an und hörte gar nicht mehr auf. Bis es wirklich nicht mehr weiterging, denn so ein Finger kann ja nicht bis ins Unendliche schwellen. Mein Finger war heiß wie eine Brühwurst, die Haut so glatt und glänzend wie Pergament, so prall wie eine reife Frucht, alle Hautfalten verschwunden, wie von Botox unterspritzt und weggeglättet. Ich war fasziniert von dem Spektakel.

Der Wespenstich

Eine Laune der Natur?

Natürlich fühle ich mich von Wespen belästigt und ich kann nur cool bleiben, wenn es nicht zu viele sind und sie sich so ruhig verhalten wie heute morgen. Wenn sie aggressiv wie eine Horde Hooligans über einen herfallen und ihr Stück vom Kuchen claimen, fühle ich mich bedroht. Ehrlich gesagt frage ich mich auch regelmäßig, wozu es Wespen überhaupt gibt. Wisst ihr das? In der Logik der Natur sind sie als Raubtiere wahrscheinlich „einfach nur” dazu da, andere Insekten zu fressen und so das Gleichgewicht zu wahren, oder? Oder dienen sie selbst auch als Futter für andere Tiere? Können z.B. Vögel Wespen fressen ohne dass sie gestochen werden und dann vielleicht daran sterben?

Ich stehe nicht auf Wespen, aber ich würde sie nicht töten. Auch sie sind ein Wunder der Natur. Perfekt und wunderschön, wie ich heute Morgen feststelle. Die Farben! Die Flügel. Die Präzision. Wunderschön aber gefährlich und deshalb lieber mit einem gewissen Sicherheitsabstand zu bewundern.

Mein Vater.

Als ich klein war, hat mein Vater Wespen auf dem Tisch manchmal mit einem Messer zerschnitten. Einfach so, zack. An der schmalsten Stelle, der Wespentaille. Ein kurzer Prozess. Schnell, präzise. Kaltblütig. Ich war damals 5, vielleicht 6. Mein Papa war mein Held. Ich dachte nicht darüber nach, ob das jetzt vielleicht unrecht war. Ich war fasziniert. Das war sowas, was nur ein Papa tun würde. Etwas zutiefst Männliches. Eine Art Ritus aus einer Welt voller Indianer, Pfadfinder, Wilderer. Mac Gyver. Aus einer archaischen Welt, in der man immer ein Taschenmesser bei sich trägt – ein Opinel natürlich, schließlich sind wir ja Franzosen – und damit auch umzugehen weiß. Das man einsetzt, um sich zu verteidigen und notfalls zu töten. Aber auch, um Wanderstöcke für die Töchter zu schnitzen oder kleine Holzbötchen für die Playmo-Männchen, damit in der Badewanne oder auf dem Fluss Seenotrettung gespielt werden kann (meine Schwester und ich hatten ein Faible für dramatische Geschichten …). Oder um auf Bergwanderungen beim Rasten die Sandwiches mit Baguette, Käse, Salami oder Schokolade zu zaubern. Mein Vater. Der liebevollste Papa der Welt und zugleich ein Wespenkiller.

Das Paradoxon der Liebe.

Ein Paradoxon, das mich nicht störte. Echt komisch auf eine Art: Vor ein paar Jahren habe ich mich intensiv mit dem Thema „unconditional, universal love” beschäftigt und verstanden, dass sich das nicht nur auf Menschen beziehen darf, sondern ALLE Lebewesen miteinbeziehen MUSS. Daraufhin fing ich an, mich vegan zu ernähren und hörte auf, Insekten zu töten. Bei Mücken werde ich manchmal rückfällig, aber sonst popel ich mir sogar fliegende Ameisen aus den Haaren, um sie in Sicherheit zu bringen und Spinnen fange ich mit einem Glas und Stück Papier, um sie aus dem Fenster in den Baum zu schmeissen. Meinem Freund versuche ich das Töten von Fruchtfliegen abzugewöhnen.

Wenn Wespen auf meinem Tisch herumkrabbeln, versuche ich, sie zu ignorieren oder zu verscheuchen oder ich trete irgendwann den Rückzug an. Gleichzeitig muss ich aber früher oder später immer daran denken, wie mein Vater damals kurzen Prozess mit ihnen machte. Und anstatt entsetzt oder aufgebracht zu sein, wird mir mein dann ganz Herz warm. Denn von dieser Erinnerung fliege ich zur nächsten Kindheits-Erinnerung – Sandwiches in den Alpen – und zur nächsten – Playmobil-Seenot in der Badewanne. Im Zick-Zack-Flug, unstet zitternd, begleitet von einem leisen Summen. Wie eine Wespe.

Die Wespe

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von noemie