Work as meditation: Ein tägliches Stelldichein mit meinem Ego und seinen Mit-Monstern

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Nachdem ich Ende letzten Jahres einen ziemlich fordernden und zeitlich- sowie örtlich unflexiblen Job an den Nagel gehängt hatte, stand mir endlich die Welt offen. Prompt erkor ich 2019 zu meinem Reise- und Entdeckungsjahr und zog im Januar für 3 Monate nach Asien und Australien los. Als ich von dort zurück nach Berlin kam, hatte ich sehr stark mit der Re-Akklimatisierung zu kämpfen. Ich litt am emotionalen Jetlag, den ich hier bereits ausführlich beschrieben habe. Was mir unter anderem wahnsinnig zu schaffen machte, war dass ich nun wieder allein war. Meine 65 Quadratmeter-Wohnung erschien mir viel zu groß für nur eine Person. Mit einem Mal empfand ich ein starkes Bedürfnis, mit anderen Menschen zusammen zu leben und mich in einer Community einzubringen. Dieser Wunsch war einer der Auslöser, durch den ich schließlich für 5 Wochen auf die griechische Insel Lesbos ins Osho-Meditationszentrum Afroz zog, mich dort in ein Zelt einquartierte und für die gesamte Zeit als Part-Time-Worker im Programm „Work as Meditation” verpflichtete.

In diesem Programm verpflichtet man sich dazu, Arbeiten zu verrichten, die in der Kommune anfallen, ohne vorher genau zu wissen, worum genau es geht. Das kann sich nämlich von Tag zu Tag ändern. Part-Time-Worker wie ich arbeiten maximal 4 Stunden am Tag und erhalten dafür Kost und Logis vergünstigt. Full-Time-Worker wohnen und essen bei maximal 6 Stunden pro Tag gratis. First-Timer müssen sich für mindestens einen Monat verpflichten. Männer werden mehr im Garten und bei der Instandhaltung eingesetzt, Frauen mehr in der Küche und beim Putzen. Das kam mir zuerst reichlich genderstereotyp und auch ungerecht vor, zumal ich es mir romantisch, erdverbunden und „erdend” vorgestellt hatte, im Garten zu arbeiten, mit meinen Händen in der Muttererde zu wühlen und ihren Duft einzusaugen. Später war ich jedoch sehr dankbar, nicht in der sengenden Mittagshitze Unkraut auszugraben oder Holzplanken zu Gerüsten zusammen hämmern zu müssen …

Für mich klang das ganze Programm sehr attraktiv, eher easy und nach einem fairen Tausch. Ich dachte, ich würde ein bisschen arbeiten, viel meditieren, nebenbei ein paar Freelance-Jobs erledigen und den Sommer genießen. Irgendwie war mir bei alldem schon klar, dass ich auch mit meinem Ego konfrontiert werden würde. Tatsächlich war ich ja sogar ganz explizit auf diese Konfrontation aus. Wie tief das Ganze jedoch gehen und wie stark es wirken würde – auch noch nachträglich – das habe ich komplett unterschätzt. Ich hatte die Nummer mehr als Unterbringungsform und Rahmenprogramm gesehen, und gedacht, dass die Workshops und Sessions viel einschneidender sein würden. Im Nachhinein glaube ich aber, dass das Work as meditation-Programm mich mit am stärksten geprägt hat: Jeden Tag wurde ich mit den verschiedensten Schattenseiten meiner Selbst, meinem Ego und meinem inneren Kind konfrontiert, mit meinen Monstern und Mustern, von deren Existenz ich teilweise keine Ahnung hatte. So entdeckte ich, dass in meiner überaus lebendigen und buntgemischten inneren WG ein bockiges Kind, eine kleine Prinzessin, eine strenge Gouvernante, eine Dogmatikerin und Pädantin mit einer Rebellin, einer Perfektionistin, aber auch mit einem Schlendrian, einem Drückeberger und einem Faulpelz zusammen wohnen. Dass diese Mischung für sehr viel Tumult sorgt, kann sich sicher jeder vorstellen. Und wer weiß, wer sich noch alles unterm Bett und im Schrank versteckt und nur darauf wartet, bei der nächsten Gelegenheit von mir entdeckt zu werden?! Entdeckt und liebengelernt zu werden. Oder zumindest angenommen. Denn auch wenn es nicht einfach ist, all seine Schattenseiten sofort zu lieben, so ist es doch wichtig, sie zunächst „sein zu lassen” ohne sie verscheuchen zu wollen. Sie ganz genau anzuschauen um sie dann sanft und ohne sie zu bewerten, zu hinterfragen und zu transformieren …

Spannend war außerdem, zu entdecken, welche Werte mir wirklich wichtig sind. Das sind bei mir an erster Stelle: Respekt und Fairness. Wenn andere sich aus meiner Sicht nicht diesen Werten entsprechend verhalten, kann ich durchaus „allergisch” reagieren. Auch wenn sie dies womöglich und höchstwahrscheinlich nicht einmal aus Bosheit tun, sondern ganz einfach, weil sie ihnen nicht (ganz so) wichtig sind und sie andere Standards haben – die wiederum ich vielleicht nicht verstehe oder als nicht so wichtig erachte.

Dazu kam es natürlich öfter mal: Als Workerin wurden meine Grenzen täglich getestet und/oder überschritten und ich war jeden Tag aufs Neue vor die Aufgabe gestellt, dies „auszuhalten” bzw. einen Weg zu finden, mich nicht persönlich angegriffen zu fühlen – ganz wichtig! –, die in mir widerstreitenden Gefühle anzunehmen und mich mit ihnen auseinander zu setzen. Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, kam viel Wut hoch – was gut ist, zumal Frauen ja gern gesagt wird, Wut stünde uns nicht und wir daher kaum darin geübt sind, sie auch mal rauszulassen – aber oft genug konnte ich auch herzlich über mich lachen und entspannt mit der Situation umgehen. Das gelang mir immer dann, wenn ich nicht sofort reagierte, sondern mir meine Emotionen und Empfindungen in Ruhe ansah. Und erst dann aus mir heraus agierte. Es kann wirklich sehr erheiternd und erhellend sein, zu verstehen, dass gerade dein Ego verletzt wird und nicht DU.

Das Afroz Center, das für Besucher von April bis Ende Oktober geöffnet hat, ist ein wunderschönes Fleckchen Erde: Es besteht aus einem riesigen, mit Oliven-, Aprikosen-, Feigen- und anderen Bäumen bewachsenem Gelände, durch das sich ein kleines Rinnsal schlängelt. Neben einer Handvoll Steinhäuser, ist es mit zwei Dutzend Holzhütten bebaut. Und unter den Olivenbäumen finden die kleinen Kugelzelte aus wärmeabweisendem silber schimmernden Material Schutz vor der Sonne. Dazu gibt es einige „Dienstgebäude”, zu denen eine große Open-Air-Dining-Area, die Küche, eine Bar, eine schattige Chill-Ecke unter einer Pergola, die Wifi-Area / Arbeitslounge, die Kunstecke zählen … Überall sind liebevoll gestaltete Details zu entdecken. Und die Menschen, die einem hier begegnen, schenken sich spontan und von Herzen bereitwillig ein Lächeln oder eine Umarmung. Die Unterhaltungen sind oft sehr intim und direkt, weil alle ihr Herz geöffnet haben und keiner sich mit Small-Talk aufhalten möchte. Und manchmal kommt man auch ganz ohne Worte aus.

Hochsaison ist rund um das zweiwöchige „Festival of Love” im August, zu dem bis zu 350 Menschen im Center sind. In der Zeit, in der ich dort war, waren wir – je nachdem, welche Gruppentherapien und Workshops gerade stattfanden – schätzungsweise zwischen 100 und 150 bis maximal 200 Menschen. Viele der Anwesenden sind Worker, so dass sich die Aufgaben und auch die Teams ständig ändern, und natürlich die Anzahl der Stunden, die man arbeitet. In „meiner” Saison kümmerten sich N. aus Mexiko, und N. aus Italien, um das Work as Meditation-Programm. N’n’N. Für mich sowas wie Good Cop und Bad Cop 🙂 N. 1, für das Wohlergehen und allgemeine, das Programm betreffende Fragen zuständig, ist der Typ Vertrauenslehrer. Durch seine sanfte, verständnisvolle Art, fühlte ich mich in seiner Gegenwart immer sicher und verstanden. Mit N. 2, zuständig für die Einteilung der Worker in Schichten, war es schwieriger. Ihn konnte ich nicht so recht durchschauen und fühlte mich durch seine mal strenge, mal scherzhaft-entspannte Art, auf irritierende Weise oft durchleuchtet und teilweise ungerecht behandelt oder falsch verstanden. Was sicherlich auch damit zu tun hat, dass er es war, der mir sagte, was ich zu tun hatte. Dass ich mit seiner Einteilung nicht immer einverstanden war, versteht sich von selbst. Irgendwie schien er außerdem einen siebten Sinn dafür haben, wo bei wem welche Triggerpunkte liegen, denn wie durch ein Wunder hat er mich oft genau dort eingeteilt, wo ich mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.

Meine verschiedenen Stationen:

Die Küche

In der Küche habe ich mich alles in allem eigentlich sehr wohl gefühlt. Durch die Küchenschichten gleich nach dem Frühstück war ein Großteil meiner täglichen Arbeit gleich morgens erledigt, so dass ich nachmittags an den Strand konnte. Außerdem bleibt das Kernteam fast immer gleich, was mir gerade am Anfang eine schöne Konstanz gegeben hat.

Dennoch hatte ich unter anderem ein bisschen damit zu kämpfen, Aufgaben auszuführen, die ich gewissermaßen „von oben” bekam. Als Unternehmerin und Geschäftsführerin meines eigenen Businesses habe ich es zwar mit Kunden zu tun, die ja bekanntlich Könige sind, und als Freelancerin mit Auftraggebern – doch einen „richtigen Chef” hatte ich schon Jahre nicht mehr. Entsprechend bin ich es einfach nicht mehr gewöhnt, Order zu erhalten und auszuführen. Vor allem nicht solche, die mir keinerlei Einsicht in das große Ganze gewähren. Genau das aber war in der Küche der Fall: Als Zuarbeiter für die Köche bereiteten wir am Vormittag alles zu, was diese für sowohl das Mittag- als auch für das Abendessen brauchten. Unsere Aufgabe bestand zum größten Teil daraus, Gemüse zu waschen, zu putzen, zu schälen und zu schneiden. Und das bitteschön nach genauen Vorlagen, für die uns Muster hingelegt wurden. So habe ich gelernt, dass man Kartoffeln in „diamond shape” schneiden kann. Zuerst fand ich das ziemlich irritierend und auch irgendwie entmündigend: „Traut ihr mir nicht zu, Kartoffeln zu schneiden?”, meldete sich der bockige Rebell zu Wort. Dass es aber super wichtig ist, die Vorgaben genau einzuhalten, damit die Köche die Kochzeit der Speisen korrekt einschätzen können, wurde mich erst nach einer Weile klar.

Da ich Dinge gern korrekt und von Anfang bis Ende erledige, war es für mich ziemlich merkwürdig, immer nur einen Schritt in der Kette zu erledigen. Diese Zerlegung der Arbeit empfand ich zu meiner eigenen Verwunderung als echte Herausforderung. Hier schnitt ich also voller Hingabe mein Gemüse und dann verschwand es auf nimmer Wiedersehen. Naja, fast. Immerhin konnte ich später beim Essen sehen, was aus den von mir liebevoll in Diamanten und Dreiecke geschnittenen Kartoffeln und Zucchini geworden war. In diesen Momenten war ich irgendwie stolz auf mich weil ich sah, dass ein Teil meiner Arbeit und meiner Liebe dazu beitrug, das Camp satt und glücklich zu machen.

In der Küche zeigten sich mein Perfektionismus, mein Bedürfnis, Bescheid zu wissen, oder anders ausgedrückt, meine Schwierigkeit, nicht den Durchblick zu haben und die Kontrolle abzugeben. Aber auch der innere Rebell, der stolz ist und Probleme mit Autorität hat.

Die Bar

Als ich gerade begann, mich mit der Situation anzufreunden und gewisse Muster zu verstehen, wurde ich versetzt, und zwar von der Küche an die Bar. Für manch eine/n mag das ein coolen Job sein. Zumal für eher offene Menschen, die sich für andere interessieren und leicht Freunde finden. Das trifft zwar auf mich zu, dennoch habe ich auch eine Seite, die nicht so viele kennen: Ich kann auch ziemlich zurückgezogen und eigenbrötlerisch sein und brauche ganz viel „Me-Time”, um meine Batterien wieder aufzuladen. Sozial kann ich nur dann aus vollem Herzen sein, wenn ich frei darüber und mich dafür entscheiden darf. Mir wird das sonst schnell zu viel, denn ich nehme sehr schnell anderer Leute Energien auf. Wenn ich nicht die Möglichkeit habe, mich auch mal zurückzuziehen, wenn ich das Bedürfnis danach verspüre, fühle ich mich ausgeliefert, eingeengt und unter Druck. Das ist einer der Gründe, weswegen ich als Kellnerin immer eine Katastrophe war, in Coffeeshops mit einem Tresen zwischen mir und den Kunden, dann aber meistens ganz gut klar kam.

Die Barschichten förderten wahre Dämonen zutage, unter anderem den strengen Besserwisser und den Asket: „Willst du wirklich noch was bestellen? Meinst du nicht, dass ein Bliss Ball am Tag reicht?”, den Einsiedler: „Lass mich in Ruhe, ich will nicht reden.”, die Prinzessin / den Rebell: „Hol dir dein Zeug doch allein, ich bin nicht dein Diener und werde es auch niemals sein!”.
Außerdem hatte ich arg damit zu kämpfen, den Job einerseits gut machen zu wollen – allerdings eher für meine Vorgesetzte(n) als für mich selbst – und einfach nur faul in der Sonne abhängen und selbst Kundin an der Bar sein zu wollen … Der obrigkeitstreue Perfektionist und eifrige Wunscherfüller, der gelobt werden will versus die legere Lebefrau, die gern mal Fünfe gerade sein lässt … Oder so ähnlich.

Der Essbereich

Ähnlich verhielt es sich mit der Sorge um den Essbereich. Das ist ein großer Bereich mit rund zwanzig Tischen und Bänken, Buffet-Flächen, Geschirrfächern, Waschbecken … Das Ganze wird von einem riesigen Holzdach geschützt, ist an den Seiten jedoch offen, so dass Blätter und Pollen durch Wind und Wetter hinein geweht werden. 

Hier gehörte es zu meinen Aufgaben, Speisereste in die Küche zu tragen, die Oberflächen der Tische und Bänke zu säubern, den Boden zu fegen und das saubere Geschirr von den Abtropfständern an den Waschbecken in die entsprechenden Fächer zu räumen. Das klingt zunächst einfach und nach nicht viel, dauerte aber immer rund anderthalb Stunden. Nun weiss ich nicht, ob dies an meinem „deutschen” Perfektionismus lag, denn angeblich kann man das auch locker in einer Stunde erledigen … allerdings erging es einer Freundin aus Israel und einer anderen aus Russland ebenso wie mir. Könnte es also eine spezifisch weibliche Gründlichkeit sein?

Auch hier zeigte sich mein innerer Widerstreit zwischen Perfektionismus – „Ich möchte mir nicht nachsagen lassen, ich würde schlampig arbeiten. Alles soll tiptop sauber sein.” – und dem Wunsch nach kindlicher Freiheit von Pflichten. Und das, obwohl ich mich doch damit einverstanden erklärt hatte, meine tägliche Arbeit zu verrichten! „Ich will auch an den Strand! Es ist gemein, dass ihr schon gehen dürft, während ich bleiben und putzen muss!” … so riefen die Stimmen in meinem Kopf durcheinander.

An eine Situation kann ich mich besonders gut erinnern, in der ich innerlich richtig wütend wurde. Die meisten waren schon weg, aber eine Gruppe saß noch am Tisch. Plötzlich holte einer Schokolade – ein seltenes Gut in Afroz! – aus dem Kühlschrank und teilte sie mit den anderen. Er bot auch jemandem davon an, der zufällig vorbeikam. Mir nicht. Gefühlt: NUR mir nicht! In mir begann es nur so zu brodeln: „Vielleicht möchte ich auch Schokolade?! Nur weil ich eine Schürze trage, seht ihr mich auf einmal nicht mehr?” Ich fühlte mich nicht gesehen und nicht respektiert. Zwei sehr unangenehme Gefühle, bei denen das Kind hochkam, das sich vernachlässigt fühlt, ebenso wie die kleine Prinzessin, die erwartet, dass alle ihre Schokolade mit ihr teilen und sie stets im Mittelpunkt steht.
Auch der strenge Pedant rümpfte des Öfteren seine Nase: Tadelnd missbilligte er mit Reis und Sauce bekleckerte Tische, die er als mangelnde Sauberkeit und Sorgfalt bewertete und als persönlichen Affront wahrnahm. Dieses Gefühl, mir und meiner Arbeit würde nicht genug Respekt entgegengebracht, verstieß gegen mein Wertempfinden.

Die Duschen und Toiletten

Respekt war auch an meinem vierten und letzten Arbeitsplatz ein Thema: den Toiletten und Duschen. Ich war für das kleine Toilettenhäuschen zuständig, das zu reinigen sich gut allein bewerkstelligen ließ. Eklig war es – zumindest in meiner Zeit – nie, da die Reinigung ja täglich stattfand. Hier wurde ich in der letzten Phase meines Aufenthaltes eingesetzt, als ich, so denke ich, schon eine Menge gelernt hatte. Entsprechend überwog mein Amüsement und mein Interesse meist, während wirkliche Wut nur selten aufkam.
Wenn zum Beispiel jemand zur Toilette wollte, während ich gerade am Saubermachen war und die Kette mit dem Schild „Closed for cleaning” vor die Tür gehängt hatte, meldeten sich fast zeitgleich zwei gegenteilige Stimmen: Die erste fühlte sich wieder einmal nicht respektiert und schnaubte: „Stör meine Arbeit nicht, siehst du denn nicht, wie schön sauber das hier ist? Du wirst alles dreckig machen und außerdem werde ich so nie fertig!”. Die zweite war ganz sanft und verständnisvoll: „Natürlich darfst du aufs Klo wenn du musst!” Oft musste ich tatsächlich über mich lachen. Zumal, und das ist ein ganz wichtiger Punkt, ich mich gut daran erinnern konnte, wie ich selbst als Neuling im Camp mindestens zwei Mal jemanden bei seiner Arbeit in den Toiletten gestört und um eine Ausnahme gebeten hatte! Tja, so ist das … Und es ist doch wirklich immer gut, beide Seiten zu kennen …

Eine große ganz allgemeine Herausforderung war für mich, dass ich mich stark verantwortlich fühlte, die mir aufgetragenen Aufgaben gut zu erledigen, die aber einherging mit dem Fehlen von Vorhersehbarkeit und Kontrolle. Das kreierte in mir eine gewisse Unsicherheit und Ausgeliefertheit, die ungewohnt war. Was mich auf allen Etappen aber immer motiviert hat, weiter zu machen, war das Bewusstsein, dass es niemand anders tun würde, wenn ich es nicht täte. Beziehungsweise vielleicht doch irgendjemand sich erbarmen und die Aufgabe erledigen würde, was aber nicht fair wäre. Und Fairness – wir erinnern uns – ist eins meiner wichtigsten Werte im Leben. Und meinen Werten treu zu bleiben, das ist eins der Learnings, die ich aus dem Programm mitnehme.

Was noch?

Meine Learnings: Über das Programm hinaus relevante gewonnene Erkenntnisse.

  • Sich selbst nicht zu ernst nehmen.
  • Nicht alles persönlich nehmen.
  • Zu akzeptieren, dass die inneren Stimmen manchmal absolut gegenläufiger Meinung sein können, dass sie Dinge sagen und behaupten, die dir nicht immer gefallen, weil sie Weltsichten und Muster offenbaren, mit denen du dich eigentlich nicht identifizierst und die du so niemals lauthals postulieren würdest …
  • Auch mal die Kontrolle aus der Hand zu geben.
  • Die eigenen Werte zu erkennen und zu respektieren.
  • Die eigenen Grenzen zu erkennen und zu respektieren, aber auch:
  • zu lernen, nicht allzu sensibel zu reagieren, beziehungsweise es nicht persönlich zu nehmen, wenn die Dinge mal nicht laufen, wie man es sich selbst vorstellt oder wünscht.

Dass im Leben nicht alles so läuft, wie man es sich wünscht und vorstellt, wird einem noch oft passieren. Dennoch ist es bei all der Einsicht aber auch lebenswichtig, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und entsprechend zu handeln. So musste ich das Programm z.B. eine Woche vorzeitig verlassen, weil es mir zu viel wurde. Das zuzugeben war nicht leicht für mich und ich glaube, es würde vielen da draußen so gehen. Immer wollen wir einen richtig guten Job abliefern und aufgeben wird oft als Scheitern wahrgenommen. Dabei kann es in manchen Situationen das einzig richtige sein … Das einzig richtige im Sinne der Selbstliebe.

Epilog: Erkennen, wenn es zu viel wird.

Zum Schluss kam bei mir so viel zusammen, dass ich vorzeitig aus dem Programm aussteigen musste. Neben der Arbeit in der Kommune musste ich bei meinen Freelance-Jobs Deadlines einhalten. Zudem gab ich als frisch gebackene Facilitatorin Meditationen im Center und darauf wollte ich nun wirklich nicht verzichten. Und so blieb auf einmal keine Zeit mehr für … das Leben. Ich rannte nur noch von A nach B und kam gar nicht mehr dazu, mit meinen Freunden Zeit zu verbringen oder an den Strand zu gehen. Und das war in doppelter Hinsicht verheerend, denn das Leben in der Kommune war so intensiv, dass es für mich regelrecht lebenswichtig war, mir im Salzwasser alles vom Leibe zu waschen. Die Energien der anderen und so. Sobald ich mit dem Kopf unter Wasser kam, spürte ich, wie wie etwas von mir abfiel und ich wieder neu aufgeladen wurde …

Nun versuchte ich also mit zusammen gebissenen Zähnen, auch ohne dieses Reinigungsritual „durch die Tage zu kommen”. Eine Zeit lang setzte ich mich mit meinen eigenen hohen perfektionistischen Ansprüchen weiter unter Druck, peitschte mich immer weiter an und redete mir zu, dass es schon irgendwie gehen würde. Irgendwann ging es aber einfach nicht mehr und da entschied ich, dass Schluss sein musste. Das fühlte sich einerseits total richtig an, aber gleichzeitig hatte ich sofort das Gefühl, die anderen Worker im Stich zu lassen. Ich empfand es als ein Zeichen von Schwäche, dass ich nicht alles gebacken bekam. Wie streng ich doch mit mir bin! So streng bin ich mit niemandem sonst. Jeder anderen Person hätte ich schon lange gesagt, sie solle mal halblang machen und sich nicht überfordern. Arbeit und Verantwortung schön und gut, aber man muss doch auch noch ein bisschen leben!

Als ich schließlich mit N. 1 sprach und ihn bat, mich aus dem Programm zu entlassen, lächtelte er nur, breitete seine Arme aus, nahm mich in den Arm und sagte: „Honestly, you coming to me and telling me that it’s too much, is probably one of the most important learnings you could get from the program.”

Wer hätte das gedacht?

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von noemie