Wie Immediacy mein Leben verändert hat: Ein Call for Action aus der Zwangspause

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Dieser Artikel ist ein Plädoyer für ein waches Leben und Erleben mit allen Sinnen, das mit einer neugierigen „Just do it!”-Mentalität dem Prinzip der „Immediacy” folgt (was das genau ist, erkläre ich gleich noch). Mir ist dieses Thema ein Anliegen, weil ich gemerkt habe, wie viel reicher das Leben sein kann, wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht, bereit ist, spontan zu sein, vom Plan abzuweichen und nicht ständig alles zerdenkt, sondern einfach macht.
Die erste Skizze zum Artikel ist vor rund sechs Monaten entstanden … so viel also dazu 😀
Zwischendurch hatte ich eine Schreibblockade, war mit meinen Gedanken noch nicht ganz fertig … tja und dann veränderte sich die Weltlage dramatisch. Vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie, die unser aller Leben derzeit teilweise massiv einschränkt, kam es mir irgendwie unpassend vor, einen Aufruf für mehr Spontaneität nach draußen zu schicken. Doch vielleicht ist genau das der perfekte Aufhänger … und deshalb ist jetzt Schluss mit Warten!

Bei mir sieht die Lage gerade so aus: Vor 12 Tagen habe ich meine Reise vorzeitig abgebrochen und bin aus Australien nach Corona-Deutschland zurückgekehrt. Noch ist der Lockdown at home für mich ganz erträglich und es gibt so viele Dinge, für die ich dankbar bin: Ich lebe in einer schönen hellen Wohnung mit Balkon, habe meine geliebte Ukulele, sogar noch etwas Arbeit, einige Punkte auf meiner To Do-Liste, die ich wirklich erledigen möchte und viele liebe Menschen und soziale Kontakte, mit denen ich über diverse Kanäle in Verbindung bleibe. Zwar fällt es mir nicht immer leicht, den Tagen eine sinnvolle Struktur zu geben und natürlich fehlt mir die körperliche Nähe zu anderen Menschen … doch im Großen und Ganzen geht es (noch). Die größte Herausforderung, vor der ich stehe, besteht momentan im Wahren einer gesunden Balance zwischen Entspannung und Besinnung einerseits und den hohen Ansprüchen an mich selbst andererseits, diese Zwangspause so sinnvoll und effektiv wie möglich zu nutzen. Was auch immer das bedeutet. Denn genau dieser erzwungene Stillstand kann ja auch eine Chance sein, mal zu entschleunigen und genau hinzuschauen, was ich eigentlich will ohne mich in Pflichterfüllungs-Gedanken zu verlieren. Dieser Stillstand ist ungewohnt und er ist paradox, denn er ist offen und beschränkt zugleich.

Wie ich das meine? Nehmen wir das Beispiel der Zukunftsplanung: Als Selbstständige muss ich mir Gedanken um meine Auftragslage machen und potenzielle Neukunden ansprechen. Ich muss mir auch genau überlegen, wie ich eigentlich leben will. Nur: wie das Leben nach dem Virus aussieht, weiß keiner. Es weiß auch keiner, wie lang die Ausnahmesituation noch gehen wird. Alles, was ich also zu planen versuche, hantiert mit ungewissen Variablen. Ich habe die Augen geöffnet und fische doch im Dunkeln, denn ich weiß weder, wann es weitergeht, noch wie unsere Welt dann aussehen wird. Das ist nicht erst seit Corona so, wird mir jedoch gerade ganz besonders bewusst.
Doch nicht nur der Blick nach vorn wird durch die aktuelle Situation beeinflusst, sondern auch die Vergangenheit. Vieles von dem, was ich bisher in meinem Leben erlebt habe und als mehr oder weniger selbstverständlich betrachtet habe, wird im Lichte der Corona noch viel wertvoller. All die Reisen und Erfahrungen, die ich machen, all die Menschen, denen ich begegnen durfte, die Freiheit, die Unbekümmertheit! Ich erinnere mich an verpasste Chancen, die ungenutzt verstrichen sind, weil ich Dinge ver- und aufgeschoben habe. Dass ich einiges davon nicht mehr ändern kann, macht mich mitunter ganz schön traurig und so nehme ich mir hiermit erneut vor, in Zukunft nichts mehr aufzuschieben.

NOW – alles was zählt, ist der Moment

Denn es gibt ja auch ein Leben nach Corona. Irgendwann wird das Virus seinen Griff lockern und dann haben wir als Menschheit hoffentlich begriffen, dass wir unser Verhalten ändern müssen, wenn wir als Spezies weiter diesen Planeten bewohnen möchten.
Ich wünsche mir, dass dann noch mehr Menschen verstehen, was das überhaupt für ein kostbares Geschenk ist. Und dass sie im Umkehrschluss auch im sogenannten „Kleinen” was ändern: Dass sie ihren Leidenschaften nachgehen und das tun, was ihnen Freude bereitet. Die Dinge können sich so schnell ändern, das erfahren wir momentan alle am eigenen Leibe. Jeder Moment ist kostbar und einzigartig und wer immer auf Morgen wartet, macht sich selbst was vor.

Wer nichts aufschiebt, folgt dem Prinzip der „Immediacy”, zu Deutsch Unmittelbarkeit oder Direktheit. Immediacy ist eines der zehn Prinzipien von Burning Man, einem Event, das seit 1986 jedes Jahr in der Wüste von Nevada stattfindet. Dieses Jahr aufgrund von COVID-19 leider nicht …
Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Festival, tatsächlich aber ist es ein soziales Experiment. Du kannst die 10 Prinzipien auf der offiziellen Website nachlesen. Unter dem letzten Punkt, Immediacy, findest du folgende Zeilen:

„Immediate experience is, in many ways, the most important touchstone of value in our culture. We seek to overcome barriers that stand between us and a recognition of our inner selves, the reality of those around us, participation in society, and contact with a natural world exceeding human powers. No idea can substitute for this experience.”

„Die unmittelbare Erfahrung ist in vielerlei Hinsicht der wichtigste Prüfstein für den Wert unserer Kultur. Wir versuchen, Barrieren zu überwinden, die zwischen uns und der Anerkennung unseres inneren Selbst, der Realität der Menschen um uns herum, der Teilnahme an der Gesellschaft und dem Kontakt mit einer natürlichen Welt, die die menschlichen Kräfte übersteigt, stehen. Keine Idee kann diese Erfahrung ersetzen.”

Das eigene Erfahren und Fühlen stehen hier also im Vordergrund. Es geht darum, durch das eigene Experimentieren und Tun Empfindungen und Erinnerungen zu kreieren, Meinungen zu bilden, Wissen zu erlangen. Nicht durch Erzählungen anderer, durch Videos auf Social Media, durch Bücher … sondern ganz allein.
„Im-mediate”. Das bedeutet: nicht mediiert, also ohne Zwischenspieler, ohne Boten, ohne Bande, ohne Filter, und zwar auch ohne einen allzu strengen Filter des eigenen Verstandes. Immediacy bedeutet direktes Erleben und den Verzicht auf „Over-thinking”.
Es geht darum, in jedem Moment genau dort zu sein, wo man gerade ist. Mit den Menschen, die gerade bei einem sind, in der Situation und unter den Umständen, die gerade der Realität entsprechen.

Angeblich hat man ja bereits verloren, wenn man nur drei Sekunden über etwas nachdenkt. Mit jeder Sekunde, die wir mit Nachdenken und Zögern zubringen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass wir spontan „Ja!” sagen und in Aktion treten. Es geht also darum, einfach mal zu machen. Sich mitreißen zu lassen und offen zu sein für Überraschungen, anstatt den vorgefertigten Plänen oder Terminen im Kalender zu folgen. Oder den vielen teilweise unterbewusst in uns verankerten Vorannahmen. Eine Romanfigur von Rachel Cusk bringt es sehr schön auf den Punkt: „Looking at the world through a long lense of preconceptions by which you hold yourself at some unbreachable distance from what surrounds you, a distance which constitutes a kind of safety but also creates a space for illusion.” Wenn wir in der Illusion leben, wir hätten die Dinge durchschaut und alles im Griff, halten wir die Welt auf Distanz. Trauen wir uns aber, dieses Fernrohr beiseite zu legen, können wir unser blaues Wunder erleben. Und das meine ich positiv.

Smartphone, Internet und Social Media sind in gewisser Weise auch sowas wie ein Fernrohr. Ständig lenken sie uns ab und weg von dem, was wirklich gerade passiert, hinein in eine Parallelwelt.
Dass das auch anders geht, habe ich beim Burning Man bei einem Konzert erlebt. Vor der Kulisse des aberwitzigen Gebildes „A Fine Folly” spielten die Playa Philharmonics den Song „Bohemian Rhapsody” von Queen und das ganze Publikum sang inbrünstig mit. Es war einer dieser Momente, der wie für Instagram choreografiert schien. Und doch streckten nur ein paar wenige Zuschauer ihre Handys in die Luft, um Aufnahmen zu machen. Im „normalen Leben” hätte man wahrscheinlich mehr Displays als Augenpaare gesehen. Auch ich habe nicht gefilmt. Vergessen werde ich den Moment jedoch nie. Die Gänsehaut, die mich befiel, das Sonnenlicht, das breite Streifen in den aufgewirbelten Wüstensand malte, die kindliche Begeisterung der Zimbelspielerin mit ihren zwei Einsätzen, das Leuchten in den Augen um mich herum …

A Fine Folly, Burning Man 2019 (© Karl Pilbrow)
The Fine Folly burning (© Anastasia Trems)

Indem ich der Immediacy mehr Raum in meinem Leben gebe, habe ich allein in den letzten Jahren verdammt viel gelernt, verdammt viel Schönes erfahren und vor allem neue Freunde fürs Leben gefunden. Und irgendwie hängen die Geschichten, die ich davon erzählen kann, auch alle miteinander zusammen. Die eine bedingt die andere. Wie beim berühmten Domino-Effekt. Fängst du einmal an, wirkt sich das auf alles andere aus …
Die erste Geschichte ereignete sich vor inzwischen fast zwei Jahren, als ich mit meiner Familie von Berlin nach Paris flog. Ich saß eine Reihe hinter meiner Familie, da ich die Zeit in der Luft zum Lesen oder Arbeiten nutzen wollte. Als mich mein Sitznachbar mit leichtem Akzent aber in fließendem Französisch von der Seite ansprach, antwortete ich zunächst freundlich, dachte jedoch im Stillen, dass ich mich nach 10 Minuten Smalltalk höflich entschuldigen und zurückziehen würde. Dazu kam es jedoch nicht – das Gespräch war einfach zu inspirierend. Wir sprachen so offen über alles Mögliche, wie man das vielleicht nur mit Fremden tut (schau dir dazu auch diesen TED Talk der Autorin Kio Stark an: Why you should talk to strangers) und wussten nach den knapp zwei Stunden bereits ziemlich viel voneinander. Mein Nachbar hieß (und heißt noch immer) Austin und war nach einer längeren Europa-Tour nun auf dem Heimweg nach Gold Coast, Australien. Er habe vor einem Jahr Anteile seiner Firma verkauft, müsse nun nie wieder arbeiten und habe das letzte Jahr damit zugebracht, sich auszuprobieren, was unter anderem die Anschaffung mehrerer Bienenstöcke beinhaltete. Beim Verabschieden tauschten wir Emailadressen aus und damit könnte die Geschichte enden. Doch ich schrieb ihm tatsächlich und bekam wenig später eine Antwort. Ab da schrieben wir uns regelmäßig und setzten den Austausch fort. Es war keine Romantik im Spiel, doch Austins Mails wurden zu einem wichtigen und geliebten Puzzleteil in meinem Leben. Trotzdem hätte ich nicht gedacht, dass wir einander jemals wiedersehen würden. Haben wir aber. Und zwar zum ersten Mal vor fast genau einem Jahr, als ich auf dem Rückweg von Bali nach Berlin einen kleinen Zwischenstopp in Australien einlegte. Zunächst wollte ich nach Melbourne, war jedoch nicht gewillt, die dortigen, aus meiner Sicht völlig absurden Übernachtungspreise zu zahlen. Und so schrieb ich Austin, ob er nicht Leute in Melbourne kenne, bei denen ich übernachten könnte. Das zwar nicht, aber ich sei sehr willkommen, bei ihm und seiner Freundin unterzukommen. Kurz zögerte ich, denn trotz der Mails kannte ich ihn ja nur von diesen zwei Stunden im Flugzeug. Schlussendlich sagte ich aber zu und auf ging’s ins nächste Abenteuer, inklusive einem Wiedersehen mit meinem ebenfalls neuen Freund Steve, einem Musiker / Architekten / Fotografen / Lebenskünstler, den ich kurz vorher in Bali bei einer Yogaklasse kennengelernt hatte. Mit ihm trafen wir uns in dem Hippiedörfchen Nimbin zum Lunch und von dort führte er uns in den Urwald zu seinem verrückt-fantastischen Dome House und seinen Freunden, einer unglaublich liebenswürdigen deutsch-australischen Auswandererfamilie.

Im Inneren des Dome Houses

Austin und ich sind inzwischen richtig gute Freunde. Er hat mir meine erste Ukulele geschenkt, weil ich ihm erzählt hatte, dass ich gern lernen würde, zu spielen. Das hat wiederum eine Reihe von wunderbaren Verkettungen ausgelöst, die dazu geführt haben, dass ich – frei nach dem Motto „Passion over Perfectionism” inzwischen ohne Scheu vor Menschen spiele. Einfach machen 🙂
Unsere Freundschaft wird trotz der Entfernung und der Unterschiede, die uns ausmachen, noch lange bestehen, dessen bin ich mir sicher. Wir funktionieren einfach zu gut, und das auch unter den schrägsten Bedingungen. Der Beweis: Als ich in diesem Jahr wieder für ein paar Tage zu Besuch war, haben wir sogar die Prä-Corona-Quarantäne miteinander überstanden ohne uns die Köpfe einzuschlagen!

Austin und ich
The Gold Coast, Queensland, Australia

Mit dieser Geschichte möchte ich niemanden dazu ermutigen, zu jedem dahergelaufenen Fremden nach hause zu gehen. Nicht jeder hat das Material zum neuen besten Freund, das ist klar. Und manchmal hat man einfach keine Lust auf soziale Interaktion. Aber ich plädiere dafür, in jeder Begegnung – so kurz sie auch sein möge – doch genau hinzuschauen. Denn manchmal tut sich dann zwischen zwei Menschen eine Tür auf und dann wird echte Begegnung möglich. Das erfordert, dass beide offen sind, sich zeigen, sich zu erkennen geben, aber eben auch dass beide kurz innehalten um genau hinzuschauen. Dafür sollten wir auch im ach so stressigen Alltag bereit sein. Denn unser Leben ist eigentlich ein wilder Tanz aus überraschenden Zwischenfällen, aus abermillionen Möglichkeiten, die so bunt glitzern wie ein Paillettenkleid im Schein der Discokugel. Nicht eine Abfolge von Terminen und Punkten auf der To Do-Liste.

Eine andere besonders schöne Geschichte ereignete sich während der drei Tage in Melbourne, die ich mir am Ende doch geleistet habe. Es war der erste Morgen in dieser neuen Stadt. Der Himmel war grau und nach Bali war mir ziemlich kalt. Wie ich bereits in meinem Artikel über den „Emotionalen Jetlag” geschrieben habe, gefiel mir Melbourne zunächst überhaupt nicht. Die vielen Leute, die dichte Bebauung, die Hektik, das sichtbare Elend der Bettler auf den Straßen, der Alkoholiker und Junkies am Bahnhof im scharfen Kontrast zu Geld und Konsum auf den Einkaufsstraßen. Und dann das Wetter …! Und so schlenderte ich nach dem Frühstück in ziemlich missmutiger Stimmung über den Queen Victoria Market. Ich brauchte einen Apfel. In meinem Fall ist das Sprichwort „An apple a day, keeps the doctor away” keine leere Floskel. Ich bin süchtig nach diesem knackig-frischen saftigen Mundgefühl und mir geht es tatsächlich nicht gut, wenn ich darauf zu lange verzichten muss. An einem Stand entdeckte ich lauter Apfelsorten, von denen ich noch nie gehört hatte. Also fragte ich den Verkäufer, der gerade in meiner Nähe zugange war, ob ich mich mal durchprobieren dürfe. Ich durfte. Der Verkäufer heißt übrigens Stef und ist mehr als „nur” ein Obstverkäufer. Er ist einer der talentiertesten, verrücktesten Künstler, die ich kenne und inzwischen einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben.

Stef und ich auf dem Markt
Auf geheimer Agenten-Mission

Wie kam es nun aber dazu? Es „kam dazu”, weil wir es möglich machten und diese Tür öffneten, von der ich eben sprach. Wir begegneten einander mit offenen Herzen und der Bereitschaft, den anderen reinzulassen. Als ich meine Äpfel bezahlte, fragte ich ihn, ob er mir nicht ein paar Tipps geben könnte, was in in drei Tagen in der Stadt unternehmen könne. Darauf fiel ihm nichts ein, aber er würde sich freuen, wenn ich ihn am Abend auf einen Drink treffen würde. Er wusste, dass ich nicht bleiben würde und bat mich trotzdem um ein Date. Wer tut sowas? Wer ist bereit, Zeit und möglicherweise auch Geld in jemanden zu investieren, der nur auf der Durchreise ist? Ein Mensch, der dem Prinzip der Immediacy folgt. Und diese Menschen haben einen guten Riecher für ihresgleichen. Wir finden und erkennen einander auch in den größten Menschenmengen, Märkten und Metropolen.

Stef und ich verbrachten den Abend und zwei Tage später meine letzte Nacht zusammen und sind seitdem in Kontakt geblieben. Durch diese verrückte Begegnung habe ich letzten Sommer ein riesiges Abenteuer erlebt, das ich mein Leben lang nicht vergessen werde, denn Stef war es, der mir das Ticket für Burning Man besorgte und mich in seine Crew aus rund 50 Australiern und Neuseeländern einführte.

Coco Poco Loco beim Burning Man 2019

Viele davon zählen inzwischen auch zu meinen Freunden. Wir sind eine Crew. So eine, bei der sich Crew Love auf True Love reimt.
Eine dieser neuen Freunde ist Marina. Mit ihr bin ich, einer sehr spontanen Intuition folgend, in einem riesigen RV namens Fiona von San Francisco bis nach Nevada gefahren. Wir kannten uns vorher nicht, haben aber einfach ja gesagt, als sich die Option bot. Denn ich brauchte eine Mitfahrgelegenheit und sie jemanden zum Teilen der Strecke und der Kosten. Anstatt uns mit Fragen nach Alter, Beruf etc. aufzuhalten, klärten wir direkt die wichtigsten Fragen: wann und wo? Wie in einem schlechten Roman trafen wir uns schließlich abends auf einem Walmart-Parkplatz, von wo aus wir uns auf die Reise machten. Der Rest ist Geschichte. Die offenen Fragen – und einige andere, viel interessantere – klärten wir dann während der Fahrt …

Marina und ich
Ich mit unserem RV Fiona im Yosemite Nationalpark

Und immer wieder Burning Man. Dort habe ich unzählige Situationen erlebt, die mir immer wieder aufs Neue gezeigt haben, wie aufregend und bereichernd es ist, vom geplanten Weg abzuweichen. So bin ich beispielsweise jeden Morgen als erstes aus dem Bett geklettert und auf mein Rad gestiegen, um zu den Toiletten zu fahren. Von dort bin ich kein einziges Mal auf geradem Wege wieder zurück zum Camp gefahren, sondern habe stattdessen jeden Morgen erstmal eine kurze Runde durch unseren Kiez gedreht, um ein Gespür für den Tag zu bekommen und zu sehen, was in der City sonst noch so los war. Wenn man allein und ohne seine Gang unterwegs ist, sieht man nämlich noch mal ganz andere Dinge. Man begegnet der Welt anders. Das kennt ihr sicher vom Reisen.

À propos Reisen: Zu Beginn dieses Jahres bin ich zum Beispiel super spontan mit meinem Freund Götz nach Indien gereist, wo wir für seinen indischen Freund Nanda als Teil eines ziemlich wild zusammengewürfelten „Bautrupps” in drei Wochen ein Yoga-Retreat-Zentrum aus dem Boden stampfen wollten. Ich hatte noch nie zuvor in meinem Leben etwas gebaut und ob ich wirklich nach Indien wollte, wusste ich gar nicht so genau. Doch eine Stimme in meinem Kopf, oder viel eher in meinem Bauch, fragte: „Wieso eigentlich nicht? Was spricht dagegen?” Also flog ich mit und natürlich war es eine tolle Erfahrung. Absurd und herausfordernd und absolut stimulierend, auf so vielen Ebenen. Mit Indien bin ich definitiv noch nicht fertig!

Gute Laune am Bau

Doch wie ist es mit dem “normalen Leben”? Folge ich auch im Alltag dem Ruf der Spontaneität?

Da ich mich normalerweise mit dem Fahrrad durch die Stadt bewege, sause ich meist in einem relativ hohen Tempo an Menschen und Dingen vorbei. Ich liebe dieses Tempo und den Fahrtwind, aber natürlich entgeht einem dadurch auch vieles und man ist mehr in seinem eigenen Film, zumal wenn man dann noch Musik hört … Für Straßenmusiker, lustige Plakate oder einen witzigen Spruch an einer Ampel oder Hauswand bremse ich aus eigenem Interesse meist ziemlich spontan. Doch wenn da jemand ist, der Hilfe benötigen könnte – jemand mit einem Kinderwagen oder eine ältere Person – verstreichen öfter mal die erwähnten drei Sekunden, die darüber entscheiden, ob wir aktiv werden oder nicht. Mit dem Rad legt man in ein paar Sekunden schon einige Meter zurück und so kommt es öfter vor, dass ich den Moment „verpasse”. Daran möchte ich gern arbeiten, denn ich möchte selbst dazu beitragen, wieder mehr Menschlichkeit und Miteinander in unsere Welt zu bringen.

Poster am Straßenrand: Ohne Liebe gibt es keine Menschlichkeit

Und ich möchte dafür plädieren, Immediacy nicht nur für den Urlaub und Ausnahmesituationen aufzubewahren. Tatsächlich glaube ich, dass es sich mit dieser Fähigkeit oder Einstellung verhält wie mit einem Muskel, den man trainieren muss. Um wahre Immediacy zu praktizieren braucht es ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und einen wachen Geist. Und das in jedem Moment. Also: Öfter mal Handy weglegen und Augen auf das, was direkt vor dir in der Welt passiert.

An letzter Stelle vielleicht noch ein Wort zu den verpassten Chancen: Es gab da diesen exzentrischen, freundlichen, charmanten, interessanten älteren Herrn, ein Stammkunde meines Onlineshops. Zunächst tauschten wir nur rein geschäftliche Mails aus, doch irgendwann wurde daraus ein privater Austausch, der auch über mein Ausscheiden aus der Firma hinweg bestehen blieb. Er liebte guten Cognac und gesalzene Rohmilchbutter, hatte ein Faible für Wes Anderson und bunte Socken und konnte sich ebenso wie ich für den Film bzw. das Buch „Call me by your name” begeistern. Mehrfach lud er mich ein, auf meinen Reisen doch mal bei ihm am Bodensee vorbeizuschauen und betonte, dass ihn das sehr freuen würde. Ich schob die Zusage immer wieder auf, da ich das Ganze dann doch etwas schräg fand. Andererseits hatte ich innerlich schon so gut wie beschlossen, die Idee in die Tat umzusetzen. Ich war einfach zu neugierig und fragte mich, was schon passieren solle. Gesagt habe ich ihm das nie. Und dann hörte ich irgendwann nichts mehr von ihm. Weil ich so sehr mit Reisen beschäftigt war, fiel mir die Pause in unserer Kommunikation zunächst gar nicht auf und ehrlich gesagt dachte ich auch nicht viel an ihn. Doch als auch auf zwei aufeinanderfolgende Mails von meiner Seite keine Antwort mehr kam, beschlich mich eine traurige Vorahnung. Ich suchte ich im Internet nach seinem Namen und fand, was ich befürchtet hatte: Eine Todesanzeige. Im Nachhinein bedaure ich sehr, dass ich ihn nicht besser kennengelernt habe. Ich glaube, wir hätten uns gut verstanden und male mir aus, wie wir bei Cognac und schwarzer Schokolade in bunten Socken am Kamin sitzen und über Filme und Bücher geredet hätten …

Und so möchte ich diesen Artikel damit schließen, dich (und mich daran zu erinnern): Du kannst keinen Tag deines Lebens jemals wiederholen und irgendwann ist es mit den neuen Morgen sowieso vorbei, denn wir sind nunmal vergänglich. Vergiss also nie: Jeder Tag ist eine einmalige, einzigartige neue Chance, wenn du willst sogar eine Milliarde von Chancen. Nutze sie!

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Und ihr so? Wie haltet ihr es mit der Unmittelbarkeit in eurem Leben? Was für Geschichten habt ihr schon erlebt? Was wollt ihr unbedingt machen, wenn der Lockdown vorbei ist? Was glaubt ihr, können wir als Gesellschaft noch besser machen?

Hinterlasst gern einen Kommentar oder schreibt mir eine Nachricht. Ich freue mich auf jeden Fall auf eure Rückmeldungen und die Interaktion mit euch!

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Buchtipps:

  • Wenn du dich mehr im Hier und Jetzt verankern möchtest, empfehle ich dir dieses Buch: „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart” von Eckhart Tolle, Kamphausen Media Verlag 2010
  • Wenn du eigentlich immer schon gern reisen wolltest, dich aber nie getraut hast, empfehle ich dir dieses Buch, in dem die Autorin beweist, dass man nie zu alt ist und dass das mit dem Reisen gar nicht so schwierig und auch gar nicht so teuer sein muss: „Das große Los: Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr” von Meike Winnemuth, Knaus Verlag 2013

 

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von noemie