And then I see a darkness – Meditieren im Dunkeln

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Heute möchte ich euch eine meiner absoluten Lieblings-Meditationen vorstellen: die „Darkness Meditation“, das Sitzen im Dunkeln. Dabei sitzt man mit offenen Augen in der Dunkelheit und meditiert.

Suche dir dazu einen Raum, den du wirklich gut verdunkeln kannst. Mach den Raum so dunkel wie möglich. Wenn du keine Vorhänge hast, klebe die Fenster mit Pappe oder mit einer Decke ab, oder setz dich in einen fensterlosen Raum.

Ich sitze für diese Meditation zum Beispiel immer in meinem Flur, dem einzigen fensterlosen Raum in meiner Wohnung. Dieser halbe Quadratmeter zwischen Schuhregal, Wand und Zimmertür sieht bei Tageslicht betrachtet etwas trostlos aus und wäre für jede andere Form der Meditation ganz sicher nicht mein Lieblingsplatz. Für die Darkness Meditation passt es ausgezeichnet.

Mir wurde diese Form der Meditation „verschrieben“, als ich gerade sehr mit hausgemachtem Stress zu kämpfen hatte, den ich „Kopfkino“ oder „Gedankenkarussel“ nenne. Es war so schlimm, dass ich davon Schlafstörungen und Kopfschmerzen bekam, obwohl ich sonst eigentlich nicht die klassische Kopfschmerz-Patientin bin. Die Schlafstörungen zogen sich über zwei Wochen. Jede Nacht wachte ich mehrfach auf, und das immer zu den gleichen Zeiten: um 1, um 3, um 5 und dann manchmal noch um 6:30 Uhr. In einer „guten Nacht“ blieb mir das Erwachen um 3 erspart und ich schlief von 1 bis 5 Uhr durch.
Doch damit war es noch nicht genug: Zusätzlich plagte mich eine wahnsinnige innere Unruhe, die sich auch körperlich bemerkbar machte. Und zwar hatte ich das Gefühl von Luftblasen unter der Haut, das sich vor allem in den Armen, im Nacken und unter der Kopfhaut manifestierte. Sehr unangenehm und leider auch hartnäckig.
Die Darkness-Meditation, so mein spiritueller Lehrer, würde meinen Geist beruhigen.

Die Wirkung

Wie empfohlen, setzte ich mich nun also brav jeden Abend für 30 Minuten in meinen dunklen Flur und starrte mit offenen Augen in die Dunkelheit. Und was soll ich sagen? Es tat so gut! Mein Geist kam zur Ruhe, kühlte sich ab, die inneren Stimmen wurden leiser und leiser, die Dunkelheit umfing mich die warme Umarmung eines großen gutmütigen, pelzigen Fabelwesens. Toni Erdmann lässt grüßen!

Wie lässt sich das erklären?

Was ist das magische Geheimnis der Dunkelheit? Liegt es nur daran, dass wir keine visuellen Eindrücke aufnehmen können (außer Dunkelheit)?

Tatsächlich ist die Erklärung wissenschaftlich fundiert und sehr interessant: Es liegt an einem wundersamen kleinen Organ mit dem schönen Namen „Zirbeldrüse“.

In der spirituellen Welt gilt diese Drüse als das „Dritte Auge“ und damit als „Hauptsitz der Seele“. Nüchtern betrachtet ist sie ein kieferzapfenförmiges kleines Organ im Zentrum des Gehirns. Sie produziert und reguliert so wichtige Hormone wie Serotonin, Melatonin und Dimethyltryptamin (DMT) und hat damit einen großen Einfluss auf unsere körperliche und geistige Gesundheit.

 

Ein bisschen Chemie-Nachhilfe

Serotonin und Melatonin sind bereits sehr gut erforscht und inzwischen ist erwiesen, dass beide Hormone einen maßgeblichen Einfluss auf das seelische Gleichgewicht haben und zudem den Schlaf- und Wachrhythmus regulieren. Was meine Schlafstörungen erklärt.

Wissenschaftliche Studien haben außerdem ergeben, dass die Zirbeldrüse auch für den physischen und psychischen Alterungsprozess verantwortlich ist. Wenn ihre Funktion gestört ist, setzt der Alterungsprozess vorzeitig ein.

DMT ist weniger gut erforscht, bzw. hat einen fragwürdigen Ruf. Das liegt an seiner bewusstseinserweiternden Wirkung. DMT ist nämlich eine „bewusstseinserweiternde Tryptamin-Verbindung, die im menschlichen Körper und in mindestens 60 Pflanzenarten weltweit gefunden werden kann“ (Quelle: Vice.com) und bei spirituellen Ritualen eingesetzt oder als Droge verwendet wird.

Wenn die Produktion von DMT in der Zirbeldrüse angeregt wird, kann das Gehirn neue Gedankenstrukturen entwerfen, die sich jenseits von Raum und Zeit befinden. Somit ist die Zirbeldrüse das Organ, mit dem die Schwelle zwischen der physischen und der metaphysischen Welt überschritten werden kann. Sobald sie stimuliert wird, empfinden wir Euphorie und eine Verbundenheit mit der geistig-seelischen Welt, die jenseits des normalen Erfahrungshorizontes liegt. DMT wird nicht nur bei Dunkelheit produziert, sondern soll auch bei der Geburt und beim Tod vermehrt ausgeschüttet werden (Quelle: Dunkelretreat.com).

Auch wenn du dich ab jetzt täglich zum Meditieren ins Dunkel setzt, wirst du wahrscheinlich nicht bis in diese Dimensionen vordringen. Um so weit zu kommen, kann man aber zum Beispiel an einem Dunkel-Retreat teilnehmen. Eine Erfahrung, die auch meiner Liste steht. Dennoch: Ein paar Visionen bzw. Halluzinationen habe auch ich schon erlebt.

Allerdings geht es darum ja auch nicht primär. In erster Linie tust du dir und deiner Gesundheit mit diesen kurzen Momenten der Ruhe und des Auftankens einen großen Gefallen und schlicht etwas Gutes. Bei mir stellt sich die wohltuende beruhigende Wirkung meist unmittelbar ein. Und wer weiß, vielleicht verlangsamt sich ja auch bald mein Alterungsprozess?

Was passiert in der Dunkelheit?

Zunächst ist es etwas ungewohnt und kann in den allerersten Momenten auch etwas beklemmend wirken. Kurz fühlt es sich an, als hätte man ein sprichwörtliches Brett vor dem Kopf, weil man nichts sieht. Dann aber öffnet sich – irgendwo vor der Stirn und dem dritten Auge – ein Raum, der unendlich ist. Dieser Raum hat nichts Bedrohliches sondern fühlt sich ganz im Gegenteil total friedlich an. Für mich ähnelt dieser Raum dem „Raum“, den ich hinter meinen geschlossenen Augen wahrnehme, wenn ich mit geschlossenen Augen meditiere. Er ist weit und offen und nicht von dieser Welt und kann sich mit Farben und Visionen füllen, oder auch ganz leer sein.

Bei mir war es dann oft so, dass Gedanken aufkamen, die ich visuell wahrnehmen konnte. Sie kamen immer von links, lösten sich dann aber – oh Wunder! – etwa in der Mitte meines Wahrnehmungshorizonts auf wie ein sich am Himmel abregnendes Feuerwerk. In dieser Dunkelheit gab es keine ganzen Sätze mehr, für ein Gedankenkarussel war schlicht kein Platz. Denn der Kreis der Gedanken schloss sich einfach nicht mehr, sie waren nicht mächtig genug, sich gegen die stille, dunkle Weite durchzusetzen. Nichts war mehr wichtig, nichts mehr eilig. Und das war sowas von wohltuend.

Und dann kam es wie bereits erwähnt, ein paar Mal auch zu Halluzinationen von einer unglaublichen Schönheit. Es handelte sich um eine Art Farbvisionen, die wieder von links nach rechts flossen. Irgendwie scheint das die bevorzugte Richtung meiner Gehirnaktivität zu sein. Ich sah weißes und pinkes Licht, das sich wie Wellen aus Wasser bzw. Licht durch die Dunkelheit ergoss.

Ein anderes Mal war es, als würde von unter meinen Augen grell weißes Licht ausgehen, das mich regelrecht blendete. Ich wendete den Kopf in alle Richtungen, um zu sehen, ob nicht doch von irgendwo eine externe Lichtquelle zu mir herein schien und diese Visionen verursachte. Aber dem war nicht so. Alles hausgemacht. Diese Zirbeldrüse!

Seit sich meine Kopfschmerzen und meine innere Unruhe verabschiedet haben – was allerdings nicht ausschließlich durch die Meditation kam, ich musste schon selbst und auch im „Wachzustand“ in meinem echten Leben aktiv werden – setze ich mich nicht mehr jeden Abend ins Dunkel, sondern „nur noch“ nach Bedarf. Wenn ich merke, dass eine Unruhe sich zusammenbraut oder wenn ich den ganzen Tag vor dem Computer verbracht habe, mich gehetzt fühle oder einfach nicht ganz in meiner Mitte bin. 20 Minuten reichen, 30 sind noch besser, 40 Minuten ein schöner Luxus. Eine Stunde die Kirsche auf der Torte.

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Hier noch der titelgebende Track „I see a darkness“ in der Version Acid Pauli vs. Johnny Cash, die mir persönlich noch besser gefällt als das Original.

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von noemie